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70000 Tons Of Metal – Der dritte Abend

Unterwegs an der Front | Autor: Leimsen | 29.01.2011 | 0 Kommentare

Mittwoch, 26. Januar: Wieder an Bord
Zurück vom Landgang herrscht zunächst eine ruhige Stimmung auf dem Schiff: Die Ausflügler legen sich erstmal hin, die Besucher der Bar am Pier schlafen vermutlich erstmal den Nachmittagstequila weg. Also kann ich mir Teile des Schiffs ansehen, die bisher vor lauter Metal unbesucht blieben, etwa das voll ausgestattete Fitness-Center, mit Spiegeln, viel hellem Holz und mit einem schicken Ausblick über Deck gesegnet. Hier kann man sein Sportprogramm durchaus vernünftig durchziehen – wenn man denn außer Headbangen eins hat. Wie zu hören ist, finden sich des Morgens tatsächlich insbesondere Musiker hier ein, um in Form zu bleiben. Sehr schön auch das Seminar „Entgiftung und Gewichtsverlust“, das – so darf man vermuten – genauso wie die Pilates-Klasse vor dem Frühstück um halb Acht (!) nicht wirklich Anklang finden dürfte.

Die Dame am Empfang des benachbarten Spa-Bereichs, aus dem es sehr angenehm nach ätherischen Ölen und solcherlei Wellness-Essenzen duftet, erzählt jedoch, dass auf dieser Reise keinesfalls weniger Leute ihre Dienste in Anspruch nehmen. Da kann man mal sehen! Ebenso ungewohnt im Kontext eines Metal-Festivals wirkt der Shopping-Bereich, der manchen – oder manche – vielleicht vor schwierige Entscheidungen stellt: Duty Free-Parfümchen, eine goldene Uhr – oder doch noch eine Pina Colada in der Boleros-Bar? Nicht einfach! Aber eigentlich…. doch. :)

Goldene Uhren und Festival-Merch

Irgendwann geht‘s natürlich mit dem Metal weiter: Im Theater spielen Epica, im Spectrum die deutschen Death-Thrasher Cripper, die sich hier mit der gestrigen Show offensichtlich eine Menge Freunde gemacht haben, wenn man die Gespräche auf den Fluren und das verstärkte Auftauchen von Cripper-Shirts in Betracht zieht. Apropos Merch: Das „kleine Wunder“, das der Veranstalter zu wirken versuchte, gab es doch nicht. Geplant war, neues 70000Tons-Merchandise nach Cozumel einzufliegen und auf das Schiff zu verladen. Die Shirts wurden über Nacht gedruckt, eine Hubschrauber-Firma wurde gefunden, der Kapitän gab sein OK, ebenso der Hafen – nur an einigen Zollformalitäten kam die Lieferung nicht vorbei. Schade.

Ein wenig schade ist ebenfalls, dass es abends auf dem Pooldeck, wo die – soviel ist mittlerweile klar – coolste Bühne steht, gar nicht mal sonnig-karibisch warm ist, sondern heute windet wie nicht geschieht. Das zieht dann auch mal unangenehm unter‘s Metal-Leibchen. Nur scheinen sich nicht alle Leute daran zu stören, denn erneut sind die beiden Jacuzzis voll, während Gamma Ray derweil auf der Bühne den Elementen trotzen.

Pooldeck rules

Also mal schnell rein zum Abendessen: Dass sich das Buffet sehen lassen kann, habe ich ja bereits erzählt. So cooles Essen hat wohl noch kaum einer auf einem Festival, und was anderes ist das hier ja nicht, gegessen. Heute abend taucht sogar mal Biff Byford von Saxon im Speisebereich auf, mit kurzer Hose, Brille auf der Nase und in Sandalen. Mittlerweile hat sich jeder an die Anwesenheit der Musiker gewöhnt, die bei anderen Veranstaltungen ja abgeschirmt bleiben. Großes Aufsehen wird darum weiter nicht gemacht, und ein paar Fotos, Autogramme oder Drinks sind ja nie ein Problem. Hier liegt ein Reiz der Cruise: Auch metaphorisch sitzen hier alle in einem Boot. Aus dieser Atmosphäre erwächst auch ein großer Vorteil für die Bands, wie Andre von Blind Guardian erzählt: Auf anderen Festivals sind er maximal zwei andere Gruppen, hier zwanzig. Überhaupt lassen sich bei jeder Show Leute im Publikum ausmachen, die gestern noch selber auf der Bühne gestanden haben.

Eine Attraktion sind zweifelsfrei Exodus, die heute auf der Freiluftbühne aufspielen. Der abgedeckte Pool davor ist heute sogar mal ziemlich üppig gefüllt, als die Bay Area-Helden mit einem Sound loslegen, der den Rumpf erzittern lässt. Gary Holt wurde in der Vergangenheit als der König der rechten Hand bezeichnet (sagte Scott Ian mal), und es scheint berechtigt: Die Riffs haben einen Wumms, dass es nur so eine Freude ist. Rob Dukes, heute barfuß, lässt ein Mädel in der ersten Reihe deshalb einen Song aussuchen, weil sie einen Minirock trägt, die Band kracht durch Thrash-Bomben wie ,Fabulous Disaster‘, ,Blacklist‘, natürlich ,Toxic Waltz‘ und das schön mitzubrüllende ,War Is My Shepard‘. Sehr fein. Fast noch cooler: Bei normalen Kreuzfahrten gibt es abends auf dem Pooldeck gerne mal noch ein Buffet mit allerlei Süßspeisen und Fingerfood. Die 70000 Tons-Cruise wird nicht anders behandelt, was bedeutet: Wir können uns Metal reinziehen und trotzdem an Shrimps-Häppchen herumkauen und sie mit einem ordentlichen Pils runterspülen. Abgefahren.

Exodus machen richtig Wellengang
Danach begebe ich mich wieder auf Wanderschaft, latsche im Schiff herum, treffe Leute, die ich kenne und lerne neue kennen, etwa den Australier, der seit Tagen nur mit einem weißen (Schiffs-?)Bademantel herumspringt und sich jede freie Fläche signieren lässt. Die üblichen Festivalfreaks gibt es also auch hier, wir dürfen beruhigt sein, aber ins Ballermann-mäßige driftet die Veranstaltung weiter nicht ab. Obwohl es an jeder Ecke Bier zu kaufen gibt. Was nicht heißt, dass nicht auch schon friedlich Schlafende vor den Aufzügen gefunden wurden. Kann ja bei den ganzen Gängen und Fluren und Decks und Kabinen kompliziert werden, die eigene Kabine zu finden. Und dass Metaller gerne Bier trinken, wissen wir nicht seit gestern. Inoffiziell ist zu hören, dass sich der Umsatz vervielfacht hat.
Der Bademantelmann

Ein leckeres Pilslein (heute am langen Arm: Heineken, geht immer) passt dann auch prima zum klassischen Stoff: Saxon spielen im Theater – und verblüffen mit Metallicas ,Seek & Destroy‘ als Intro vom Band. Der Laden ist recht voll, denn vermutlich konzentrieren sich die Gäste nach ausgiebiger Erkundung des Schiffes jetzt wieder mehr auf die Shows. Der Seegang ist jedoch auch nicht zu verachten: Wenn man da so im Dunkeln in einem Saal im Schiffsinneren sitzt, kann sich das schon komisch anfühlen – wie Biff Byford auf der Bühne bestätigt. Die Setlist passt (,Strong Arm Of The Law‘, ,Metalhead‘ usw.), die Performance auch.

Aber irgendwie regt sich schon wieder – same ship, different day – ein Hüngerchen. Liegt das an der vielen frischen Luft? An dem Herumgelaufe? Es wird doch keine Bordschwangerschaft sein? Ein Problem stellt das jedoch nicht dar, denn es gibt im Laufe des Tages – so hat jemand herausgefunden – nur 90 Minuten, an denen nicht irgendwo etwas zu essen rumsteht. Deshalb vielleicht morgen doch ins Fitnesstudio? Wir werden sehen. Jetzt erstmal schauen, wo noch was geht… Und fündig werde ich sicherlich. Bester Anlaufhafen (haha): Das Karaoke-Massker im Boleros. Hab ich schon erwähnt, dass einige Darbietungen hier sicher gegen geltendes Seerecht verstoßen? Und manche sogar von professionellen Sängern stammen? Ahoi!
Gruß in die Heimat,
Euer Leimsen

70000 tons cruise kreuzfahrt exodus cripper karibik saxon

  • 29.01.2011

von Leimsen

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