70000 Tons of Metal – Der vierte und letzte Tag
Unterwegs an der Front | Autor: Leimsen | 31.01.2011 | 2 Kommentare
Donnerstag, 27. Januar:
Der letzte Tag auf See beginnt für einige doch recht verhalten. Das besagte Karaoke-Massaker in der Boleros-Bar soll in einigen Fällen bis neun Uhr morgens (!) gedauert haben. Aber was soll’s, auf Festivals muss man nicht so viel schlafen. Obwohl man es ja hier – im eigenen Bettchen – ganz gut kann. Schlimmer als der Kater wiegt jedoch – so ist immer wieder in den Fluren, Aufzügen, Bars und beim Essen zu hören – der Fakt, dass die “Majesty Of The Seas” morgen in aller Frühe wieder im Hafen von Miami einlaufen wird. Anders gesagt: Die meisten Leute würden durchaus noch einen Tag oder zwei dranhängen.
Aber nicht verzagen, gibt ja noch mal ordentlich Wellengang auf den Bühnen. Im Tagesplan, der von Zimmerservice in die Kabinen gelegt wird, geht es zwar mit “Vitality Stretch” im Fitness Center (7:30 Uhr) und “Indoor Cycling” (9 Uhr) los, aber interessant wird es erst mit Circle II Circle auf der kleinen Bühne und Swashbuckle am Pool. Letztere passen mit ihren Spitzhüten, Rüschenhemden und dem Schulterpapagei auf dieses Schiff wie keine zweite Band. Warum jemand eine Ananas auf die PA gestellt hat, muss man aber nicht verstehen (obwohl es zugegebenermaßen schon irgendwie karibisch aussieht).
Swashbuckle
Die Ananas
Im Anschluss findet ein “Meet & Greet” in der Boleros Bar statt. Auf den ersten Blick wirkt das bisschen widernatürlcih, weil man die Bands sowieso die ganze Zeit auf dem Schiff trifft, aber bei zweitem Hinsehen macht das schon Sinn: So kann nämlich jeder seine acht Pfund Saxon-Platten signieren lassen, ohne Biff vom Essen abzuhalten. Passt schon.
Und wer darauf keine Lust hat, kann ja das Seminar “Mehr essen, weniger wiegen” im Fitnessbereich mitmachen. Ideen haben die. Wichtiger wären “Mehr trinken, weniger bezahlen”, denn mittlerweile machen sich schon einige Gedanken darüber, welche Summen auf ihrer Seapass-Karte aufgelaufen sind. Es bezahlt sich halt schnell und einfach, wenn man abends im Seegefecht an der Bar steht und mit dem Mut eines Piraten “Lokalrunde” gerufen hat. Biere kosten wie gesagt um die 5 Dollar, ein Weinchen schlägt mitunter mit 9 Dollar zu Buche, von Cocktails wollen wir nicht reden. Viel Kohle geht aber auch für diejenigen drauf, die sich im Casino mit seinen professionellen Croupiers herumtreiben. Dafür ist das Essen halt komplett gratis (und gut). Hier eingeschlossen ist übrigens auch das A-la-carte-Restaurant.
Doch mehr dazu später, jetzt erstmal zu Sanctuary auf der Poolbühne. Die Achtziger-Veteranen aus Seattle sind eine der besonderen Attraktionen des Programms, denn vor der Fahrt fand erst ein einziger Reunion-Gig statt. Sänger Warrel Dane, der gestern noch mit ordentlich Seegang und einer Krone aus Luftballons unterwegs war, trägt auf dieser Reise pausenlos einen Hut und begrüßt die ersten Besucher mit “Hallo, wir sind Frühstücksband!”. Auf dem Programm stehen Songs wie ‘Die For Me’ und ‘Into Battle’, viel Aktion gibt es auf der Bühne nicht, aber höflichen Applaus.
Sanctuary
Bei Voivod auf der Theaterbühne ist ein wenig mehr los, ‘Tornado’ lässt sogar einen Moshpit losbrechen, aber irgendwie ist es zu früh und der Tag zu schön, um im Schiffsrumpf zu versumpfen. Zumal es eine Schande wäre, die Nachmittagssause von Death Angel auf dem Pooldeck zu verpassen: Man kann von der Band halten, was man will, denn nicht jede Platte ist ein Treffer, aber live machen die ein Faß auf, dass es qualmt.
Auch im Pit wird serviert
Auf der Pressekonferenz erfahren wir im Anschluss, dass die Schiffscrew tatsächlich besonders auf die Metaller vorbereitet wurde. Wie das aussah, lässt sich aber leider nicht Erfahrung bringen. Es hat sich jedoch auch herausgestellt, dass ich einige Metal-Fans in der Mannschaft befinden. So sieht man öfter mal einen Ober mehr Kopfnicken als üblich oder gar eine Schar an Bediensteten mit gezückten Handykameras einen Auftritt verfolgen. Gut kommt auch an, dass der Dresscode für die Crew gelockert wurde. Passt aber, von den Gästen hat auch keiner einen Anzug zum Dinner an. Ein hoher Funktionär von Royal Caribbean, den Schiffseignern, wird dann auch damit zitiert, dass es keine Probleme an Bord gegeben und die Kreuzfahrer sich sehr friedlich verhalten haben. Cool.
Friedlich, aber doch mit Einsatz werden dann auch Sabaton abgefeiert – und zwar so sehr, dass ihr Sänger von der Menge auf Händen getragen wird. Bis zum Pool. Bis in den Pool.
Im Theater verkündet Chuck Billy ebenfalls, dass er nicht Hause will, seine Band Testament spielt das ganze THE NEW ORDER-Album plus zwei neue Kracher (‘D.N.R.’, ‘Three Days In Darkness’) – fett. Weniger cool ist das Gerücht, dass Testament die einzige Band waren, die anderen Kollegen während ihrer Show den Zugang zum (winzigen) Backstage-Bereich gesperrt haben sollen. Aber was soll’s, Schwamm drüber.
Zur Dinnerzeit versammeln sich die Rocker und Rockerinnen heute vor allem im Starlight, dem A-la-Carte-Restaurant, mit “richtigem” Service. Anscheinend wollen alle den letzten Abend nochmal richtig feierlich begehen. Insbesondere hier wirken die Langhaarigen und Tätowierten fehl am Platze, aber es funktioniert weiterhin: Die Ober machen ihren Job wie bei Normalo-Reisenden auch, die Fans freuen sich über das sehr gute Essen (ebenfalls im Preis inbegriffen!) – nur der Metal-Sound aus den Boxen war wohl doch etwas zu viel des Guten, denn mehrere Hundertschaften an Fans und Musikern sorgen schon alleine für einen üppigen Geräuschpegel. Die Stimmung ist super, alle sind guter Dinge – und Burton C. Bell von Fear Factory geht sogar soweit, sich nach seinem Mahl zu erheben, ans Glas zu klopfen und lauthals einen Toast auf “das beste Metal-Festival der Welt” auszubringen. Oha.
Metaller im Restaurant
Es geht auch mit Messer und Gabel
MIt vollem Bauch geht’s dann wieder unter Deck:Â Sodom spielen die zweite Show mit Neudrummer Makka, bis zur Zugabe ‘Ausgebombt’ läuft das schon sehr rund. Sauber. Beim zweiten Set von Blind Guardian sieht man Jon Schaffer von Iced Earth neben der Bühne stehen, fleißig an der Luftgitarre und offensichtlich mit seinem eigenen Seegang. Der Mann ist Fan unserer Krefelder und springt deshalb auch auf die Bühne, um eine kleine Rede zuhalten und Blind Guardian seine Liebe zu gestehen:
Später dann taucht er noch auf der Bühne auf, als Hans Kaisen von Gamma Ray den Guardian-Klopfer ‘Valhalla’ mitsingt:
Coole Sache.
Ebenso cool ist es, das Set von Amon Amarth von der Bar auf der allerobersten Etage zu verfolgen, die – selbstredend – “Viking Crown” heißt. Und wie gut es passt, dass das Wetter sich im Vergleichg stürmischer und düsterer anstellt – als hätte Thor selber vorbeigeschaut. Oder war das nur der Rauch, denn die Schweden zum vierfachen Synchronbangen aufsteigen lassen? So oder so: Fette Show! Und auch Johan Hegg fragt: “Wollt ihr heim?” Die Antwort der Meute: “Neeeiiiin!”
Aber: Das wird sich nicht vermeiden lassen. Morgen früh spätestens um 9 Uhr morgens (morgens!) müssen alle Metal-Kreuzfahrt von Bord, weil die “Majesty Of The Seas” am gleichen Abend mit neuer Fracht auslaufen wird. Diese Cruise wird aber vergleichsweise langweilig werden…
Ende des Logbuchs.
Oberadmiral a.D. Leimsen
PS: Wer sich noch mehr Material von der Cruise angucken will, sollte YouTube anchecken, denn die Besucher wurden wir Touristen kontrolliert: Drogen und Waffen und so durften nicht auf das Schiff, (nicht zu) professionelle Kameras schon. Mit anderen Worten: Die “70000 Tons of Metal” waren das Paradies für Sammler und Bootlegger. Selbst wenn ich nie verstehen werde, warum Leute während eines geilen Konzertes lieber miese kleine Clips filmen als abzugehen und Spaß zu haben.
Exodus-Wall Of Death:
70000 tons · Blind Guardian · cruise · Exodus · heineken · iced earth · kai hansen · Kreuzfahrt · Sabaton · swashbuckle- 31.01.2011
von Leimsen
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Kommentare 2
Toller Bericht ! Bestimmt ne Wahnsinn Erfahrung ! So etwas ähnliches gibbet aber auch in Finnland ! Eigentlich fast das gleiche nur geht die Cruise 1 Tag mit 1 mal Übernachten von Hellsinki nach Talin ! Hab ich einmal miterlebt, mit Moonsorrow,Entwine, Kalmah und noch ein paar finnischen Bands ! War der Hammer ! Ein solches Festival in luxoriösem Ambiente ist sowas von entspannt ! Wie Leimsen erwähnte: Eigene Dusche,Klo, spitzen Essen und kurze Wege ! Ach ich gehe übrigens am 12.2 wieder auf die Radio Rock Cruise ! Diesmal mit Amorphis ! Ihr solltet auch mal über dieses Event kurz berichten ! Diese Art von Festivals gibbet viel zu wenig ! Klar kostet mehr Kohle, aber der Luxus auf sonem Schiff plus Metal ist ne grandiose Erfahrung ! Maximum Metal Vielleicht schreib ich dem Hammer ja auch nen kleinen Festivalbericht vom Radio Rock Cruise !
NickHolmes am 2. Februar 2011 18:44
Danke für den schönen Blog! Leider gibt es in keiner Sprache dieser Welt Worte, die annähernd angemessen beschreiben könnten, wie sensationell gut diese Kreuzfahrt wirklich war! Ich war dabei und kann nur sagen: Das war das Beste, was ich in meinem Leben bisher gemacht habe! Ich bin immerhin nun schon 48 Jahre alt und habe schon so einiges (mit)gemacht...ich glaube zu wissen, wovon ich spreche! Danke an ALLE Beteiligten!!!
Dr Rock am 7. Februar 2011 14:23