70000 Tons Of Metal – Der zweite Tag auf See
Unterwegs an der Front | Autor: Leimsen | 28.01.2011 | 0 Kommentare
Dienstag, 25. Januar:
Es hat ja gestern schon ein bisschen gewackelt. Der Wind. Ganz klar. Ein kleines Alkohölchen wurde sicher auch von dem einen oder anderen verköstigt. Das Wort „pegeln“ taucht in der Seefahrt ja öfter auf. Große Ausfälle sind allerdings nicht zu verzeichnen: In den Fluren stinkt es nicht nach Bier, es liegen und lagen keine Alkoholleichen herum, Müll und Dreck ebensowenig. Die Schiffscrew ist zwar zur später Stunde damit beschäftigt, die „Majesty Of The Seas“ sauber zu halten, aber das alleine ist es nicht: Die Metaller benehmen sich auf einem Kreuzfahrtschiff anders als auf dem freien Feld. Interessant.
Eine Sache bleibt aber: Der Kater. Zwar schläft es sich gar nicht so schlecht, wenn es ein bisschen wackelt und die nötige Bettschwere hergestellt wurde, aber der Morgen geht gemächlich los. Erstmal frühstücken. Kaffee hilft immer, und das Buffet kann sich sehen lassen. Wir befinden uns schließlich in einem schwimmenden Hotel höherer Güteklasse, was den Headbangern ungeahnte Annehmlichkeiten beschwert. So kann man in einer eigenen Dusche duschen und auf dem eigenen Klo sitzen. Hat schon was. Vergleiche zu herkömmlichen Festivals liegen auf der Hand: Dort gibt‘s mehr und größere Bands, sie sind günstiger und einfacher zu erreichen. Hier herrscht eine ähnliche Stimmung, aber andere Grundvoraussetzungen. Darüber können wir uns alle Gedanken machen, wenn wir wieder nichtschwankenden Boden unter den Füßen haben.
Jetzt aber erstmal auf ins Getümmel. Cripper machen morgens um 10 auf der Poolstage den Anfang und eine ganz gute Figur. Die Sonne scheint, der Pool ist offen, coole Sache. Weiter untern, im Theater, legen Trouble eine Granatenshow hin: Fett, groovy, geschmackvoll, klassisch. Sogar ein neuer Song namens ‘Hammer Of Doom’ steht auf dem Programm. Neben den coolen Riffs steht der (nicht mehr ganz so) neue Sänger Kory Clarke, ehemals Warrior Soul, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine heisere Stimme passt zu den Songs, der Mann beherrscht den Rockstarsängerausdruckstanz und weiß, wie man einen Laden unterhält. Seinem Ruf wird er zudem gerecht: „Ich garantiere euch, wenn es auf diesem Schiff Drogen gibt, dann finde ich sie.“ Wären da nicht die Ledersessel und die vollausgestattete Bar, hätte sich das wie eine normale Clubshow angefühlt. Schön kühl ist es hier unten zudem. Oder je nach Geschmack zu kühl, denn wie in Amerika üblich, geht nix ohne Klimaanlage. Schön auch immer wieder die Ober in ihren weißblauen Hemden, die bei allem Getöse freundlich Biere an den Platz bringen. Lustig.
Das ist so außergewöhnlich, dass sich viele Medien für die 70000 Tons-Cruise interessieren: So sind mehrere Fernsehteams an Bord, etwa vom ZDF und von RTL. Ein bisschen darf man vielleicht befürchten, dass sich insbesondere Letztere auf den Ballermann-Aspekt (Betrunkene im Pool und so) einschießen. Was allerdings so typisch wie ärgerlich wäre, weil die Erosion der Zivilisation, die auf anderen Festivals durchaus Spaß macht, hier gar nicht so stattfindet. An allen Ecken fällt auf, dass die Metaller verdammt viel Spaß haben und verdammt Metal sind, sich aber sehr gesittet benehmen. Aber: Wir werden sehen, wie das im Fernsehen rüberkommt.
Zu erzählen und filmen und berichten gibt es jedenfalls genug. Auf der täglichen Pressekonferenz erfahren die Medienvertreter, dass 2038 Gäste an Bord sind, 30% davon US-Amerikaner, 17% Deutsche, der Rest auf 46 weitere Nationen verteilt, darunter auch ein großer Anteil aus Australien, was ja nicht gerade um die Ecke liegt. Die Cruise ist international, und das macht Spaß. Die Menge an Wacken-Shirts ist allerdings auch hier beeindruckend. Wer keines hat oder mal wechseln will, kann natürlich auch Merch erstehen – von den Bands und auch von der Cruise selbst. Ersteres wird in einem Konferenzraum auf Deck 7 verkauft, vor dem sich schnell lange Schlangen bilden, letzteres findet man auf Deck 5, quasi der Einkaufspromenade des Schiffes, neben Schmuckgeschäften und Parfümerien. Rasend schnell sind die offiziellen Cruise-Leibchen ausverkauft, der Veranstalter verspricht, beim morgigen Anlegen in Cozumel, Mexiko „ein kleines Wunder“ zu versuchen.
Wir werden sehen und bei Gelegenheit nochmal vorbeiflanieren. Denn das ist das Coolste auf der Cruise: Man kann schön durch das Schiff wandern, immer mal wieder Bands gucken, irgendwo in einer Bar sitzen, die Füße in den Pool hängen, sich die Frisur vom Wind zerpflücken lassen, Leute treffen – und auch überall Bier kaufen. Kostet ja nichts, ist auf Karte. Ähm. Nun ja. Sehr häufig gewählt: Foster’s in der handlichen Halbliterdose oder Corona (mit Limone, denn Obst ist gesund).
Mit einem kalten Bräu in der Hand treffe ich in der Schooner Bar dann auch den Destruction-Chef Schmier an der Theke („Schmier an der Theke? Echt?“), der sich auch Rage angucken will, die auf der Theaterbühne spielen. Voll ist es nicht, die Meute verteilt sich sehr auf dem Riesendampfer, aber das scheint keine der Bands irgendwie zu stören. Die drei Jungs sind jedenfalls prima aufgelegt, spielen ein cooles Set sogar mit Funk-Jam – und geben zu verstehen, dass sie es wirklich cool finden, dass hier keine Distanz zwischen Fans und Musikern herrscht. Interessanterweise funktioniert das weiterhin prima, respektvolle Distanz und Neugier halten sich die Waage. Fest steht aber, dass auf dem Schiff sehr oft Drinks ausgegeben werden – von Musiker zu Fan und umgekehrt. Ist ja auch schön. Prost.
„Prost“ heißt es auch bei den Spaßpiraten von Swashbuckle, die beim Preis für das passendste Outfit konkurrenzlos sind – inklusive Spitzhut, Papagei auf der Schulter und Songs wie ‘Party Boat’. So geht’s. Fotos folgen. Zurück in die Sonne zu Forbidden, die auf der Poolbühne ein schönen Freiluft-Thrash anbieten. Hier liegt auch ein großer Spaß: Auf Decke im Liegestuhl lümmeln, ‘Step By Step’ und ‘Chalice Of Blood’ grölen, vielleicht einen Cocktail am langen Arm und ein Auge auf das Treiben unten am und im Pool. Festivalnachmittag mal anders… Dachte sich auch Hansi Kürsch von Blind Guardian, der sitzt nämlich derweil beim Roulette im Spielcasino. Und hier geht es nicht nur um Plastikgeld.
Musikalische Höhepunkte: Iced Earth, zumindest vom Zuschauerauflauf im Theater her. Allerdings leidet die Band unter miserablem Sound, was Drums und auch den Gesang angeht, weswegen Matt Barlows Vocals mehr nach angestrengtem Gekrähe als nach epischem Metal klingen. Egal, es gibt für jede Band eine zweite Chance, meist auf einer anderen Bühne und öfters mal mit anderem Set. So machen es zum Beispiel Testament, die heute bei geilem Sommerabend auf der Poolbühne das komplette THE LEGACY-Album spielen. Für Donnerstag ist dann THE NEW ORDER in ganzer Länge geplant.
Und so fliegen die Haare, nicht nur wegen des Windes. Chuck Billy trifft den Nagel auf den Punkt: „Wir schippern mitten auf dem Golf von Mexiko und spielen Heavy Metal. Ist das nicht geil?“ Ist es.
Schwankend, aber noch auf den Beinen,
Metal-Maat Leimsen
PS: Ja, ich weiß, dass der Blind Guardian-Song ‘Welcome To Dying’ heißt. Da hab ich mich wohl im Eifer des Seegefechts vertippt. Danke für den Hinweis. Hoffentlich krieg ich dafür keine Peitschenhiebe vom Kapitän.
PPS: Hier ein paar Fakten:
-Â Â Â Schon nach einem Tag wurde festgestellt, dass es für die Metal-Bevölkerung auf dem Schiff viel zu wenige Aschenbecher gibt. Hahahaha. Man darf hier zwar nicht überall rauchen (Strafe: 250 US-Dollar), aber in den meisten Bars. Nur machen das Kreuzfahrtgäste sonst wohl nicht häufig.
-   Auch der Bierkonsum ist – große Überraschung – höher. Man hört, dass am ersten Tag soviel verköstigt wurde, wie sonst an dreien. Prima.
- 28.01.2011
von Leimsen
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