Ensiferum live in China – Erlebniss-Bericht die 2.
Unterwegs an der Front | Autor: Tobias | 04.02.2010 | 0 Kommentare
Gleich an meinem ersten Wochenende in Peking gibt es eine, naja, „freudige“ Überraschung: Ensiferum sind in der Stadt. Darüber würde ich mich unter normalen Umständen so freuen wie über eine Vorhaut-Entzündung, aber hier reden wir nicht von normalen Umständen. Spargeltarzan-Wikinger, die mit Schlachtenhymnen über kleine Chinesen herfallen? Das kann nur gut werden, also nix wie hin.
Der Kampf beginnt bereits in der U-Bahn, die an einem Samstagabend so voll ist, dass man sich mit einem Schuhlöffel hineinzwängen muss. Spätestens jetzt ist klar, warum an den Subway-Eingängen Gepäckkontrollen wie am Flughafen durchgeführt werden, denn es herrschen kriegsähnliche Zustände. Chinesen warten nämlich nicht, bis die Aussteigenden den Waggon verlassen haben, sondern zwängen sich nach dem Lemming-Prinzip sofort in die Kabine, sobald die Tür aufgeht. Es gilt das freie Spiel der Kräfte, und wer den Regeln des Sozialdarwinismus nicht folgen kann, hat eben Pech gehabt. Daher ist es vielleicht ganz gut, dass Wikingerkeulen und Streitäxte in chinesischen U-Bahnen verboten sind.
Ob Ensiferums Petri siegreich nach Valhalla gefahren oder doch einfach nur platt gemacht worden wäre? Da bin ich mir ob dessen schmächtiger Kriegerstatur nicht so sicher. Auch der Plastikschild vor dem Keyboard macht mir keinen besonders stabilen Eindruck. Unverzagt ziehen die finnischen Kampfgazellen in die Schlacht und haben sich dafür kein schlechtes Feld der Ehre ausgesucht: Das „Mao Live House“ ist ein umgebautes Kino und hat nicht nur einen coolen Namen, sondern glänzt mit lässigem Ambiente und westlichen Technikstandards. Mit gut 800 Schlachtenbummlern ist der Laden auch annähernd ausverkauft. Das bedeutet: Trotz der klirrenden Kälte draußen (es ist nach wie vor zirka -15 Grad kalt) wird es im Verlauf des Abends sehr rasch sehr warm.
Hitzig ist auch die Stimmung während des Konzerts, wenn auch nicht ganz so enthusiastisch wie bei In Flames (hier die Review). Das mag wohl auch an der Security liegen, die sich offensichtlich aus den Reihen der Volksbefreiungsarmee zusammensetzt und ausgesprochen übellaunig ist. Das kann die chinesischen Wikingerchöre jedoch kaum beeindrucken. Textsicher grölen sie jede einzelne Zeile mit, wobei ihr Favorit sehr eindeutig auszumachen ist: „Lai Lai He“ wird hier wahrscheinlich schon im Kindergarten gesungen, sodass Ensiferum dieses Lied im Prinzip gar nicht spielen müssten – es wird ohnehin während jeder Song-Pause von ALLEN (!) Konzertbesuchern geschmettert, auch, nachdem es schon längst gespielt wurde. Da hilft nicht einmal der „Victory Song“, der Sieg an diesem Abend geht unangefochten an „Lai Lai He“. Dazu noch eine Anmerkung: „Lai“ heißt im Chinesischen „lausig, übel“. Ob uns das irgendwas sagen soll?
- 04.02.2010
von Tobias
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