Furcht und Entsetzen jenseits von Mordor: die Peking-Oper
Unterwegs an der Front | Autor: Tobias | 22.03.2010 | 1 Kommentar
„Extreme Music for Extreme People“ – so steht es auf den T-Shirts einer amerikanischen Metal Band. Deren Träger schauen zwar dann meistens so harmlos aus wie Teletubbies im Erdbeerland, aber woher sollen sie auch wissen, was „extrem“ eigentlich wirklich bedeutet? Schließlich gibt es hinter dem Horizont besagter Band eine Musik(?)form, die jede westliche Hartwurstkapelle zu Pussy-Weichspülern degradiert. Die Rede ist von der Peking-Oper, einem Wort, das vermutlich der Schwarzen Sprache von Mordor oder Schlimmerem (Chinesisch?) entlehnt ist. Es auszusprechen, verursacht Furcht und Entsetzen, und das mit Recht.

Peking Oper - the meaning of pain
Der Peking-Oper eilt ein gewisser Ruf voraus, der jedoch von einigen Missverständnissen begleitet wird. So ist die Peking-Oper gar nicht in Peking entstanden, sondern in den Provinzen Anhui, Hubei und Shaanxi – also genau jenen Landesteilen, die in ihrer Geschichte am häufigsten und gründlichsten verwüstet wurden. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht. Außerdem wird die Peking-Oper nicht in einem Opernhaus aufgeführt, sondern in einem Teehaus. Das ist insofern sinnvoll, weil man in Notfällen sofort einen Schnaps bestellen kann. Und nachdem es sich bei so einer Aufführung quasi um einen permanenten Notfall handelt, verschütten die offensichtlich bereits tauben Kellner mehr Gift als Chinas Schwerindustrie am Gelben Fluss.

Peking Oper - the nightmare continues
Wer jetzt glaubt, dass dieser Lärm von einem riesigen Orchester verursacht wird, irrt: Am Bühnenrand hocken sechs Folterknechte, die ihrem Tagewerk sichtlich gelangweilt nachgehen und dabei einen Malstrom aus Kreissägensounds und Keilriemenquietschen entfesseln. Star des Ensembles ist der Beckenspieler, der zwischen seinen Einsätzen immer wieder mal dem berühmt-berüchtigten Beijinger Sekundenschlaf verfällt, um sich dann selbst mit einem eleganten „Tschoing!!“ wieder aufzuwecken. Eine gewisse hypnotische Wirkung kann man diesem endlosen Sirenenalarm nicht absprechen, denn das Rollkommando dudelt sich so lange ins Nirwana, bis man irgendwann seine eigenen Gedanken nicht mehr hört und man sich fast schon schreckt, wenn plötzlich ein Takt Pause (Stille!) die Symphonie der Zerstörung unterbricht.
Angeführt wird dieser Jihad gegen die Trommelfelle natürlich von den Akteuren auf der Bühne. Hätte Andrew Lloyd Webber sein Musical „Cats“ als Orgie kastrierter Fellfrösche in Sodom und Gomorrha angelegt, es würde ungefähr so klingen. Konsequenterweise alle in Kriegsbemalung kreischen, miauen und quietschen sich die Sänger durch Tonlagen irgendwo zwischen King Diamond, Sharon den Adel und Delfingesängen während der Paarungszeit. Man spürt die Nackenhaare vibrieren, während sich die Darsteller so geistreiche Dialoge zuheulen wie „Tooochter, so sage mir Deine Gefüüühle!“ – „Maaama, ich sage Dir meine Gefüüühle!“ Ausgefeilter ist nur noch der Inhalt des zweiten Aktes der von mir besuchen Vorführung: Pfauenprinzessin trifft Affenkönig – Pfauenprinzessin kämpft mit Affenkönig – fertig.
Viel intelligenter sind die Texte eingangs erwähnter Prügel-Band auch nicht, dafür bei weitem nicht so extrem. Extreme music for extreme people eben.

Peking Oper - schön, dass ihr da seid
- 22.03.2010
von Tobias
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Kommentare 1
[...] nicht gut findet. Also heißt es aufrüsten: Entweder man geht zur Peking Oper (hier der zugehörige Leidensbericht) – oder man wagt die ultimative Mutprobe bei den Backstreet Boys in Beijing. Teuer erhandeltes [...]
Härter als Anaal Nathrakh: Backstreet Boys in Beijing | Maximum Blogging am 30. März 2010 15:26