Tour-Tagebuch: Heaven Shall Burn in Australien – Teil 4
Unterwegs an der Front | Autor: Tobias | 18.05.2009 | 0 Kommentare
Melbourne, 16.05.2009
Das Konzert gestern fand in einer sehr coolen alten Location statt, zwei mit Stuck verkleidete Emporen und ein halbrunder Konzertsaal, sicher nicht für eine Metalshow entworfen, aber trotzdem wie dafür geschaffen. Der Sound war wirklich allererste Sahne und die Sicht für die Konzertbesucher optimal. Dafür war unser Backstage Raum etwas kleiner geraten, aber es lässt sich auf jeden Fall aushalten, nichts weswegen man den Tour-Manager ne Wand einreißen lasen müsste oder so.
Ungefähr drei Blocks weiter spielen heute auch Bring MeTheHorizon, die übrigens im gleichen Hotel wohnen wie wir, folglich hänge ich den ganzen Abend mit Sheep ab. Sowohl „unsere“ heutige Show, als auch die BMTH Show sind so gut wie ausverkauft, Melbourne scheint also einen unerschöpflichen Vorrat an extremen Musikliebhabern zu haben. Überhaupt scheint hier ein partywütiges Völkchen zu wohnen, bereits am frühen Abend ziehen zahllose Leute durch die Straßen und sind am feiern, unglaublich viele Clubs, Discos und was weiß ich für Amüsierschuppen reihen sich aneinander. Australier lassen also nicht nur im Europaurlaub die Kuh fliegen, sie geben auch vor der eigenen Haustür Vollgas. Sheep passt da wunderbar rein – er hat gestern übrigens beim Roulette 1.000 Dollar gewonnen, dementsprechend lassen wir es uns vor der Show noch in einigen Veggi Restaurants gut gehen. Davon gibt es wirklich ein enormes Angebot hier.
Unsere Show war auch sehr gut, wenn auch diesmal die Leute uns nicht gleich vom ersten Akkord an aus der Hand gefressen haben. Aber schnell „Endzeit“, „Counterweight“ und „Profane Believers“ vor den Latz geknallt, dazu noch ne sympathisch holprige Ansage mit deutschen Akzent und der Saal ist auf unserer Seite! Wir selbst sind heute auch sehr zufrieden mit unserer spielerischen Leistung, so langsam sind wir eingespielt. Beim vierten Lied machen die Leute auch wieder einen riesen Circle Pit, ich habe in den Tagen davor nicht darauf geachtet, aber diesmal fällt mir auf, dass die Menge dabei in die gleiche Richtung rennt, wie das auf der Nordhalbkugel der Fall ist. Moment mal… habe ich nicht irgendwann mal gelesen, dass durch die Koreoliskraft Strudel in Abflüssen usw. auf der Südhalbkugel in die andere Richtung rotieren?! Ein physikalisches Paradoxon so ein Circle Pit!
Wir hatten heute schnell umgebaut und konnten deshalb einen Song mehr spielen, daher schieben wir noch spontan „The Only Truth“ mit rein, der bei den Kids super ankommt.
Nach der Show bin ich ziemlich fertig und hau mich im Hotel aufs Ohr, die anderen Jungs waren noch kurz in der Stadt unterwegs etwas zu Essen fassen. Morgen ist ja ein Day Off, was mir zwar für einen Samstag ziemlich komisch erscheint, doch ich glaube, der riesige Truck, der das ganze Equipment transportiert, schafft auch die Strecke von Melbourne zum nächsten Auftrittsort gar nicht an einem einzigen Tag – deshalb ergeben sich immer mal ein paar freie Tage. Uns soll es recht sein, ist schließlich ein wunderschönes Land, das es zu entdecken gilt! So haben wir jedenfalls Zeit, Melbourne mal ausgiebig zu erkunden. Ich werde versuchen, mir ein AFL Spiel anzusehen und mich dann in den Touristenstrom zu den übrigen Attraktionen einreihen. Für den Abend will Hauge, der für uns zuständige australische Century Media/EMI Mann, mit uns zu einem Glam-Rock Konzert – mal sehen was da geht, ich hab ewig kein Zeux mehr wie Winger oder Poison gehört!
Adelaide, 17.05.2009
Bevor heute um acht Uhr morgens in der Hotel Lobby Versammeln zum Abmarsch angesagt ist, mache ich mich schon um halb Sieben auf den Weg und hole für die ganze Meute in einer veganen Bäckerei Donuts, Muffins und tonnenweise anderes ungesundes Zeux. Wahnsinn der Laden, man kommt sich als verzichtgewohnter Essbehinderter in der Veganbäckerei wie Augustus in Charlys Schokoladenfabrik vor!
Der immer noch latent vorhandene Jetlag macht das frühe Aufstehen auch recht einfach. Der Flug nach Adelaide hat nur 50 Minuten gedauert, sehr entspannt, das Wetter ist allerdings nicht gerade der Hammer, es ist schwül warm und nieselt. Sehr gewöhnungsbedürftig ist auch, dass zwischen Melbourne und Adelaide eine halbe Stunde Zeitverschiebung ist!
Nachdem wir unsere Apartments bezogen haben, die übrigens nur zwei Minuten Fußweg vom Club entfernt liegen, machen sich Benny, Matze und ich auf zu einem AFL Match. Ich war gestern schon in Melbourne bei einem AFL Game – Melbourne gegen die Western Bulldogs, das war der Hammer! Die anderen Beiden waren vorher noch nie beim Australian Football und ich habe sie mit meiner Begeisterung neugierig gemacht. Eine Bekannte unseres Tourmanagers ist mit einem der Spieler von Port Adelaide Power zusammen und hat für heute Karten besorgt. Als wir im Stadion ankommen, ist schon ordentlich der Bär am steppen. Ein riesiges Spielfeld – keine Ahnung wie groß â€“ ich denke mal ein Oval oder Kreis mit ca. 150 m Durchmesser (glaube es wird immer in Cricketstadien gespielt) auf dem sich schätzungsweise 40 Mann ohne unnötig komplizierte oder hinderliche Spielregeln ganz einfach um ein rotes Lederei kloppen. Das Spiel ist atemberaubend schnell, mit unglaublichen Sprints und Zusammenstößen, die einem das Gesicht schon allein vom Zuschauen vor Schmerz verziehen lassen. Stellt euch American Football ohne die nervigen Unterbrechungen und ohne jeglichen Schutz wie Helm oder Polster vor, es wird einfach auf das gegnerische Tor zugerannt, der Ball wird geworfen, gekickt, getragen. Also, wir waren begeistert von dem Sport. Auch wenn unsere Sitznachbarn uns und unsere ständigen Fragen nach den einfachsten Regeln wie z.B. der Spielzeit nicht so ganz einzuordnen wussten, haha. Ach ja, Power hat dann ganz knapp quasi in den Schlusssekunden gewonnen.
Das Wetter hatte sich mittlerweile auch erheblich verbessert, also genau der richtige Zeitpunkt, um im dunklen Club zu verschwinden und sich auf die Show vorzubereiten. Der Laden heute ist mit über 1.000 Leuten voll an seiner Kapazitätsgrenze und Black Tide haben die Bude wieder mal ordentlich vorgeheizt. Schon bevor wir auf die Bühne gehen, gibt es HSB Sprechchöre. Das ist wirklich unglaublich, wir wussten zwar, dass wir hier unten auch ganz ordentlich CDs verkaufen, aber dass die „Dunkelziffer“ vom HSB Sympathisanten Down Under so groß ist, hätten wir nie gedacht, geile Sache. So können wir auch heute wieder eigentlich gar nichts falsch machen und gehen siegessicher auf die Bühne, und Adelaide enttäuscht uns nicht. Hier wird ordentlich gemosht und gedived, vorm letzten Song müssen wir aber noch die Security zusammenscheißen, weil sie mit einigen der Kids sehr rabiat umgeht. Es ist wirklich zum kotzen, wenn solche hirnlosen Anabolikawürfel Konzertgäste fast schon misshandeln, obwohl diese ja mit ihrem Eintrittsgeld den Job bezahlen, den diese Halbaffen ordentlich machen sollen – ein ewiges Leid… Aber das konnte weder uns, noch den Leuten den Spaß verderben. Nach dem Konzert hängen wir noch am Merchstand rum und unterhalten uns mit zahlreichen Leuten, was nicht immer so einfach ist, denn Adelaide hat bis jetzt mit Abstand den krassesten Dialekt zu bieten, aber man verständigt sich schon irgendwie.
Zur Aftershowparty haben heute die Black Tide Jungs in Ihr Apartment geladen, ich habe vorhin schon Trivium-Matt eine riesen Kiste mit allerlei Spirituosen zusammensammeln sehen… wird sicher ne lange Nacht für die Meisten hier und auf die Katergesichter morgen früh beim Lobby Call freue ich mich schon sehr!
Maik
Australien · Heaven Shall Burn · Metalcore · Tour-Tagebuch- 18.05.2009
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